Wortsalat
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Süße Rache

I

Karl Wertmann folgte gesenkten Hauptes den Sargträgern, die mit den sterblichen Überresten seiner vor drei Tagen verschiedenen Gemahlin - und dem schweren Eichensarg - ihre liebe Mühe hatten. Da er die teure Verblichene standesgemäß beerdigen lassen wollte, hatte er den würdelosen Leichenkarren ausdrücklich abgelehnt. Auch Dorothee wäre mit solchen Abdeckermethoden nicht einverstanden gewesen.

Sie war nie mit irgend etwas einverstanden gewesen. Dabei hatte die Ehe von Karl und Dorothee so harmonisch begonnen. Sie, das liebreizende und vor allem wohlhabende Geschöpf, er, Chemiker in der Medikamentenentwicklung eines expandierenden Pharmakonzerns. Karl expandierte mit der Firma und schaffte es bis in den Vorstand. Auch Dorothee expandierte - an Leibesfülle und Gehässigkeit.

Wie blind, wie verblendet war Karl damals gewesen. Wie sehnlich hatte er sich einen Stammhalter gewünscht, nur um jedes Mal, wenn er das Thema anschnitt, mit einem barschen "Und was wird aus meiner Figur?“ abgeschmettert zu werden.

Dorothees Figur: Welch ein Hohn! Die tägliche Schachtel Pralinen war natürlich nie ein Problem gewesen. "Ich brauche meine Nervennahrung“, wie sie zu sagen pflegte, "du kümmerst dich ja kein bisschen um mich."

Und erst die ewigen Kaffeekränzchen mit ihren Freundinnen! Karl, am Ende eines schweren Tages nach Hause kommend, erwartete doch nichts anderes als ein "Hallo Schatz, wie war dein Tag?" Stattdessen durfte er Kaffee einschenken und Gebäck nachreichen. Er, der erfolgreiche Manager, ein Pantoffelheld! Und er würde gewiss eine Frau finden, die ihm einen Stammhalter schenkte! Dazu brauchte er diese Seekuh nicht!

Er beschloss, Dorothee zu beseitigen.

Seine Erfahrung in der Medikamentenforschung kam ihm bei der Herstellung eines Herzgifts zupass. Es durfte natürlich nicht nachweisbar sein. Schade, dass er für die Testreihen seine Kaninchenzucht opfern musste - doch Dorothees Freude über die toten Tiere, die nur zu bald doppelt und dreifach zurückgezahlt würde, machte ihm Herz und Gewissen leicht.

Die allmähliche Verabreichung in geringen Dosen war kein Problem: Er musste lediglich Dorothees Pralinen impfen, den Rest besorgte sie ganz von selbst.

Ihr Befinden verschlechterte sich plangemäß. Kein Arzt, und sie suchte viele auf, wusste Rat. Dorothee siechte dahin. Dann, an einem wunderschönen, sonnigen Februartag, starb sie. Karl, der ihr eine neue Schachtel "Feine Auslese" ans Krankenbett gebracht hatte - die Ärzte hatten schon lange aufgegeben, dagegen zu protestieren, teils wegen Dorothees immer noch beeindruckenden Wutanfällen trotz ihres geschwächten Zustands, teils, weil sie ohnehin dachten, es mache auch keinen Unterschied mehr - hörte ihre letzten Worte: "Wir sehen uns wieder."

"Hoffentlich nicht, meine Liebe," dachte er und versank sofort in einem Ausdruck tiefer Trauer. Immerhin wurde solcherlei erwartet.

II

Nun also folgte er dem Sarg, durchaus nicht in Trauer, sondern in Gedanken an eine fröhliche, unbeschwerte Zukunft mit dem nicht unbeträchtlichen Vermögen seiner Frau, seinem Vorstandsposten und Clarissa, der hübschen, jungen Laborantin aus Abteilung D.

Er hob den Kopf, um zu schauen, ob Dorothees Grube denn nicht bald erreicht wäre...und hielt abrupt an: Kein Sarg, keine Sargträger, keine Trauergemeinde waren zu sehen! Und wieso war es so dunkel? Gut, die Beerdigung war für den späten Nachmittag angesetzt worden, aber so unvermittelt wurde es doch nicht Nacht in unseren Breiten.

Karl Wertmann sah sich vor ein Rätsel gestellt...außer...aber nein, das konnte nicht sein...undenkbar! Er hatte einige Tage zuvor demonstrativ in Anwesenheit von Ärzten und Pflegepersonal eine Praline verspeist, um gar nicht erst einen Verdacht aufkommen zu lassen..."eine viel zu geringe Dosis," sagte er sich laut vor. Angst überfiel ihn nun, der kalte Schweiß brach ihm aus. Richtig, er hatte sich vorhin entschuldigt, ihm war übel geworden - kein Wunder nach dieser Nacht mit Clarissa - aber wie lange war das her? Wo war er die ganze Zeit gewesen, wo war die Trauergemeinde abgeblieben?

Er suchte nach Anhaltspunkten, in welchem Teil des Friedhofs er sich befand. Offenbar ein seit langem vernachlässigtes Quartier, denn er sah sich umzingelt von verfallenen, halb eingesunkenen Grabsteinen. Einen Pfad oder gar einen Weg sah er nicht.

"Behalte einen kühlen Kopf," befahl er sich, "Panik ist immer schlecht, und jetzt ganz besonders. Der Friedhof ist zwar groß, aber nicht so groß, dass man sich darauf verlaufen könnte." Er ging los. Die Richtung war ihm egal, er würde schon beizeiten auf einen Weg stoßen, der ihn zu belebteren Gegenden führte. "Belebtere Gegenden!" Karl lachte laut auf, mit einem leicht hysterischen Unterton.

Ein Gewitter braute sich zusammen. Karl Wertmann sah die Hand nicht mehr vor Augen und entzündete ein Streichholz. Was war das? Aus den Augenwinkeln glaubte er, eine Bewegung ausgemacht zu haben. Ein vorbeihuschendes Tier, eine streunende Katze? Ein Gärtner? Wurde nach ihm gesucht? Das nächste Streichholz. Nichts. Aber was raschelte dort im feuchten, modrigen Laub?

Er rannte los. Nur fort von hier. Die Streichholzschachtel war seinen zitternden Händen entfallen. Weitere Geräusche. Hinter ihm. Oder vor ihm? Ein schauderhaftes Stöhnen. Er rannte ziellos weiter, nur noch ein angstgeschütteltes Bündel.

Sein linker Fuß brach in lockeres Erdreich ein. Das Rascheln kam näher. Wieder dieses Stöhnen. Voller Panik zerrte Karl Wertmann an seinem Bein, brachte schließlich seinen Fuß frei. Sein Herz raste, ein beklemmendes Gefühl überkam ihn. Die ungewohnte Anstrengung, die rasende Furcht forderten ihren Tribut. Er rannte weiter, weiter.

Endlich ein asphaltierter Weg. Er sah ihn nicht, merkte es nur an dem veränderten Geräusch seiner Schritte auf dem harten Untergrund. Er verlangsamte seinen Lauf: Jetzt würde alles gut werden. Er musste nur diesem Weg folgen. Kein Problem. Überhaupt kein Problem.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Karl Wertmann schrie entsetzt auf, entwand sich dem Griff, taumelte einige Schritte vorwärts. Am Rande einer Grabeinfassung sank er auf die Knie. Seine Hände verkrallten sich in im Mantel, der seine Brust bedeckte, sein Herz stellte mit einem letzten, hell auflodernden Schmerz seine Tätigkeit ein. Der stumme Friedhofswärter konnte nicht mehr helfen.

Karl Wertmanns Körper fiel nach vorn, auf die Granitplatte, die das Grab abdeckte. Auf der Platte waren Worte eingemeißelt: "Wir sehen uns wieder."

Süße Rache
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