

Prolog
Seit ich dieses verfluchte Kästchen auf dem gottlosen, geheimnisumwitterten Hochplateau von Leng in Zentralasien in einer Anwandlung schieren Wahnsinns an mich genommen habe, finde ich keine Ruhe mehr. Und nun, da ich spüre, dass das Ende naht, möchte ich diesen Bericht schreiben. Möge er der Welt als Warnung dienen vor der Art Forschung, die ich betrieben habe, denn sie führt nicht zu neuen, glanzvollen Erkenntnissen, sondern beschwört das Grauen herauf aus jener unheiligen Zeit, die Äonen vor der heutigen war.
I
Geboren wurde ich einige Jahre vor dem ersten großen Weltenbrand in Bellincore Castle, einer jener düsteren Burgen im schottischen Hochland. Meine Eltern waren den althergebrachten Traditionen stark verhaftet und erzogen auch mich in diesem Sinn.
Ich möchte nicht behaupten, dass ich eine freudlose Kindheit hatte, ich war ja von Geburt an nichts anderes gewohnt als Einsamkeit. Nur selten ergab sich eine Abwechslung, wenn der Händler aus dem gut zwölf Meilen entfernten Dorf mit seinem Pferdefuhrwerk uns Lebensmittel, Zeitungen und selten auch Post brachte. Darin erschöpften sich die Kontakte zur Außenwelt.
Außer meinen Eltern und mir lebte noch ein älteres Dienerehepaar auf Bellincore Castle. Die Frau kochte und hielt die endlose Flucht von Zimmern, Sälen und Hallen sauber, so gut es eben ging, ihr Gatte fungierte als Butler. Beide hatten mich in ihr Herz geschlossen, und so kam es, dass die Küche bald mein Lieblingsaufenthalt wurde. Dort erzählten sie mir die alten Sagen des Hochlands, wisperten von Geistern, Kobolden und Unholden. Daraus erklärt sich wohl mein frühes Interesse an verborgenen Welten, das mich mein ganzes Leben lang begleitete.
Außer der Küche gab es einen zweiten Ort, an dem ich mich bevorzugt aufhielt: Die Bibliothek. Riesig war sie, mit endlosen Regalen voller verstaubter Bücher und Folianten, Reihe an Reihe, sich in die Unendlichkeit der vielen Winkel dieses Raumes - und noch darüber hinaus, in ferne, fremdartige Gegenden voller Geheimnisse - erstreckend.
Damals bedauerte ich, die Bücher noch nicht lesen zu können. Heute verfluche ich den Tag, an dem ich diese Bibliothek zum ersten Mal betrat. Doch ich greife den Ereignissen vor.
Das sechste Lebensjahr brachte eine Zäsur für mich. Dem Willen meiner Eltern und meiner eigenen Neugier folgend besuchte ich die Schule. Meinen Eltern war nichts gut genug, also kam ich in ein exklusives Internat in London. Die Trennung vom alten Stammsitz unserer Familie fiel mir schwer, und ich konnte mich nie in London einleben.
Meine Leistungen waren gut, in einigen Fächern, besonders Historie, Genealogie und Geographie gar weit überdurchschnittlich. Dennoch sehnte ich jedes Jahr die Sommerferien herbei, die mich wieder für kurze Zeit in mein geliebtes Bellincore Castle zurückbrachten.
II
Mittlerweile 25 Jahre alt hatte ich Cambridge mit einem ausgezeichneten Abschluss in Älterer Geschichte, Philologie und Anatomie verlassen, der mir viele Türen geöffnet hätte, doch es zog mich zurück nach Schottland.
Meine Eltern waren inzwischen gestorben, was mich mit tiefer Trauer erfüllte. Auch das alte Dienerehepaar war tot, und ich konnte mich nicht entschließen, neue Dienstboten einzustellen. So lebte ich denn ganz allein in den Gemäuern meiner Kindheit und vernachlässigte meine Beziehungen zur Außenwelt immer mehr. Bald galt ich als Eigenbrötler. Die Leute aus dem Dorf mieden mich, nur der Sohn des Händlers setzte die Lebensmittellieferungen fort.
Aber diese Einsamkeit war mir in meiner Trauer nur recht. Ich begann, mir meinen Herzenswunsch zu erfüllen und arbeitete tage- und oft auch nächtelang in der Bibliothek. Zeit hatte ich genug, denn meine Eltern hatten mir ein beträchtliches Vermögen hinterlassen.
In der siebten Woche meiner Katalogisierungsarbeit stieß ich auf ein Buch, welches sofort mein Interesse erweckte. Es war ein Manuskript aus dem 18. Jahrhundert mit einer detaillierten Beschreibung der näheren Umgebung, bebildert mit wunderbaren Radierungen, der Arbeit eines anonymen, aber begnadeten Künstlers.
Beim ersten, flüchtigen Durchblättern fiel mir eine Radierung sofort ins Auge. Sie stellte den Eingang zu einer Höhle dar, in die Flanke eines kleinen, seltsamen Hügels gebettet, umgeben von einem Kranz uralter, groteske Schatten werfender Bäume.
Bisher hatte ich mir eingebildet, eine gute Kenntnis der Landschaft um Bellincore Castle zu besitzen, doch diese Stelle war mir bei meinen Streifzügen nie aufgefallen. So beschloss ich, trotz der recht nebulösen Beschreibung des Weges, der zu nehmen sei, um zu diesem Ort zu gelangen, für den nächsten Tag eine Expedition.
III
Ich brach im ersten Morgengrauen auf, und da ich nicht wusste, wie viel Zeit ich benötigen würde, um die Höhle zu finden, ja, ob ich sie überhaupt fände, hatte ich mir einen kleinen Vorrat an Nahrung und Wasser eingepackt.
Am späten Nachmittag war dieser Vorrat fast aufgebraucht. Enttäuscht wollte ich umkehren, als mich etwas an dem kleinen Wäldchen, an dessen Rand ich gerade angelangt war, dazu bewog, in es einzudringen. Meine Überraschung, als ich schon nach wenigen Minuten auf den gesuchten Platz stieß, ist nicht zu beschreiben. Eigentlich hätte der Hügel, dessen Höhe ich anhand des Bildes unterschätzt hatte, schon aus einiger Entfernung zu sehen sein müssen - mag sein, dass die Bäume ihn verdeckten.
Die Umgebung war noch fremdartiger als erwartet. Die Bäume, die zu beiden Seiten des Höhleneingangs bis dicht an die Felswand reichten und so einen abgeschlossenen Halbkreis bildeten, wirkten dahinsiechend und verkrüppelt, als hemmte ein bösartiger Einfluss in der Atmosphäre jegliches gesunde Wachstum. Wahrhaftig war die Luft geschwängert von einem undefinierbaren, schwachen und dennoch abscheulichen Gestank, der meine Sinne verdunkelte, morbide Gedanken hervorrief. Seltsam war auch, dass der Boden innerhalb des Halbkreises keinerlei Anzeichen von Vegetation aufwies, tot war.
Dies alles wurde indes weit übertroffen vom Eingang der Höhle selbst, der mich mit lauernder Hinterhältigkeit belauerte. Später sollte mich vor einem anderen Einlass ein ähnliches, wenn auch viel stärkeres Gefühl überkommen.
Es war im Grunde bereits zu spät für weitere Nachforschungen - die Abenddämmerung setzte ein, was der Umgebung ein noch abweisenderes Aussehen verlieh - doch meine Neugier war zu groß. Meiner instinktiven Abneigung keine Achtung schenkend trat ich ein.
Obwohl dies eigentlich unmöglich war, umgab mich übergangslos völlige Finsternis, so dass ich mich umwandte, um zu sehen, ob es denn draußen schon so dunkel sei, dass der Lichtschein nicht mehr ausreichte, eine gewisse Helligkeit zu erzeugen.
Man stelle sich meine Panik vor, als ich, wo ich den Eingang sicher wusste, nichts als undurchdringliche Schwärze sah! Von Entsetzen gepackt streckte ich meine Arme aus und trat einen Schritt vor. Augenblicklich wurde ich von einem für mein Empfinden unerträglich grellen Lichtschein geblendet - es war indes nur die weiter fortgeschrittene Abenddämmerung.
Ich konnte mir den Vorfall nicht erklären, sah aber ein, dass ein weiteres Vordringen ohne Lichtquelle undenkbar und sinnlos war.
IV
Am nächsten Tag fand ich mich, ausreichend verproviantiert und mit einer Handlampe versehen, frühzeitig vor der Höhle ein; der Weg war mir ja nun bekannt. Ich ging hinein und stellte mit einiger Erleichterung fest, dass die Lampe funktionierte, wenn ihr Licht auch nicht ausreichte, die Begrenzungen des Hohlraums, in dem ich mich befand, zu erkennen. Ich vermutete, dass er den Hügel vollständig einnahm.
Interessanterweise wurde der Schein meiner Lampe in Richtung des Eingangs nicht wie vom umgebenden Felsgestein reflektiert; es schien, als würde der Strahl aufgesaugt. Eine Erklärung für dieses Phänomen fand ich nicht. Allerdings war ich mir des Vorteils, der sich daraus ergab, durchaus bewusst: Da der Lichtstrahl dieses Verhalten nur am Eingang zeigte, konnte ich meinen Weg aus der Höhle ohne große Schwierigkeiten finden.
Zunächst ging es mir darum, die ungefähren Ausmaße der Höhle zu erkunden. Zu diesem Zweck schritt ich an der Innenwand entlang und markierte den Ausgangspunkt durch einen auf den Boden gestellten Wasserbehälter. Dann zählte ich die Schritte, bis ich wieder zum Behälter gelangte. Es waren knapp 2000. Die Höhle musste also den gewaltigen Umfang von 5700 Fuß haben, einen Durchmesser von annähernd 1800 Fuß.
Die Untersuchung der Größe hatte indes keine weiteren Besonderheiten zu Tage gefördert; ich musste also die Wand verlassen, wollte ich mehr Informationen sammeln. Am sinnvollsten erschien mir der Versuch, den Mittelpunkt zu erreichen.
Nachdem ich etwa 300 Schritte gezählt hatte, gelangte ich an ein merkwürdiges Loch von ca. 200 Fuß Durchmesser. Es war absolut kreisförmig, zu ebenmäßig, um natürlichen Ursprungs zu sein.
Das Überraschendste war jedoch, dass auf der mir gegenüberliegenden Seite eine Treppe begann, deren Stufen, an die Wand geschmiegt, in die Tiefe führten. Das Vorhandensein einer offensichtlich künstlich angelegten Treppe erfüllte mich mit Erstaunen und einem vagen Schrecken. Dennoch beschloss ich, hinabzusteigen.
In meiner Phantasie vermeinte ich meinen Herzschlag so laut zu hören wie einen auf den Amboss fallenden Hammer, und das Rauschen des Blutes in meinen Ohren dünkte mich wie das Dröhnen eines gewaltigen Kataraktes. Schier endlos schien sich die Treppe spiralförmig in die Tiefe zu winden. Ohne meine Lampe hätte mich die Finsternis vollständig eingehüllt - doch ich weiß nicht, ob mir das nicht lieber gewesen wäre als jenes, was sich meinen Blicken nach einiger Zeit an den Wänden darbot.
Oh höllische Einbildungskraft, die sich solche Wesen ausdenken und zum Schrecken des Betrachters in den Fels meißeln konnte! Ich sah eine Art von Kraken mit Tausenden von wimmelnden, schleimigen Fangarmen, in denen sich Wesen, die ich erst später als Menschen seltsam archaischen Aussehens identifizieren konnte, wanden, ich sah abnorme Monstrositäten jenseits jeder menschlichen Vorstellung. Und je näher ich mir diese Reliefs betrachtete, desto unwahrscheinlicher erschien es mir, sie seien nur Phantasieprodukte. Wenn ich die Augen schloss, um den Bildern zu entkommen, hörte ich die Schreie der Opfer, ich hörte die Krakenwesen schmatzen, und mehr noch, ich vernahm einen seltsamen Gesang, dessen genauen Wortlaut ich nicht verstehen konnte. Nur einzelne Silben prägten sich mir ein; sie klangen etwa wie: "Yog-Sothoth ib´ll...Schoggoth...Azathoth." Mehr konnte und wollte ich nicht verstehen, denn allein diese Worte flößten mir ein gestaltloses Entsetzen ein, wenn ich auch ihre Bedeutung nicht kannte.
Ich stieg nun wohl an die sechzig Minuten die Stufen hinab und befand mich schätzungsweise 2500 Fuß unterhalb meines Ausgangspunkts an der Erdoberfläche. Jener üble Geruch war unmerklich immer stärker geworden, dennoch sehnte ich das Ende der Treppe herbei, nur um aus dem Bannkreis dieser teuflischen Reliefs zu gelangen. Endlich gingen die Stufen in ebenen Felsboden über: Ich war am Grund des ungeheuerlichen, brunnenartigen Schachts angelangt.
Zu meiner unsäglichen Erleichterung befanden sich in dem Gang, der hier begann, keine Bildnisse mehr. Ich leuchtete mit meiner Lampe voraus, konnte indes ein Ende des Ganges nicht absehen, da er sich in geringer Entfernung nach rechts krümmte. Ich passierte die Krümmung und erstarrte vor Grauen: Unmittelbar vor mir erblickte ich die abscheuliche Arbeit eines wahnsinnigen Bildhauers, das Abbild des entsetzlichsten Wesens, das man sich selbst in den wildesten Alpträumen nicht vorzustellen vermag.
Worte genügen auch nicht annähernd, um das zu beschreiben, was ich sah - und hörte. Der abscheuliche Gesang war jetzt deutlich wahrnehmbar und klang, in unsere Lautsprache übersetzt, folgendermaßen:
"Ce´haiee Yog-Sothoth ib´ll
Fhtagn Schoggoth fl´hur
Orr´e Azathoth g´harne
Fhtagn hai ep´ngh"
Diese Zeilen wurden endlos wiederholt, in wahnwitzigem Diskant, in gotteslästerlichem Bass, in vielen anderen, gänzlich unbeschreiblichen Tonlagen. Dort hockte in einer finsteren Höhle von gigantischen Ausmaßen - ich weiß nicht, wieso ich diesen Eindruck hatte, denn in die Felswand war nur eine Höhlung von recht geringer Tiefe gehauen - ein absolut widernatürliches Wesen, eine Negation der Schöpfung, bestehend aus einer Anhäufung schwarzen Schleims mit schwärenden Beulen und eitrigen Blasen, auf einem grotesk geformten, steinernen Thron. Augenlos war es, und doch erweckte es den Eindruck, als sähe es alles, was um es herum vorging. Und diese Szenen waren fürchterlich: Da wurden Menschen, die noch archaischer aussahen als jene auf den Bildwerken an der Treppe dargestellten, von den Krakenwesen in Abgründe gestoßen, die wimmelten von fingerdicken, aufgedunsenen Würmern, welche die Körper der Bedauernswerten in unersättlicher Fressgier durchbohrten und Gänge für ihre Brut anlegten. Dies und Schlimmeres, von dem ich lieber schweigen möchte, war von blasphemischer Meisterhand dem Fels entlockt worden.
Voller Grauen starrte ich auf dieses Bildnis, und dann wurde mir plötzlich bewusst, dass meine Hand sich dem monströsen Wesen auf dem Thron näherte, in der Absicht, es verehrend zu berühren.
Von namenlosem Entsetzen gepackt, versuchte ich, meine Hand zurückzuziehen, doch es gelang mir nicht mehr rechtzeitig. Ich berührte das chthonische Abbild, und in diesem Augenblick, in dem der Gesang in meinem Kopf anschwoll und ihn zu sprengen schien, fiel ich in eine gnädige Ohnmacht, die mich für Stunden die Schrecken meiner Umgebung vergessen ließ.
V
Als ich wieder erwachte, mussten mindestens sechs Stunden vergangen sein; für diese Zeit hätte das Karbid ausgereicht, die Lampe war jedoch erloschen.
Zunächst war ich mir meiner Lage nicht bewusst, doch dann fiel mir alles schlagartig wieder ein: Der Abstieg über die Treppe, die Reliefs, der Gesang, und zuletzt jene fürchterliche Berührung...
Bei dem Gedanken, dass jenes Bildwerk sich in unmittelbarer Nähe befand, schauderte ich unwillkürlich zusammen, wagte jedoch nicht, mich von der Stelle zu bewegen, aus Furcht, ich könnte jenes grauenhafte Ding auf seinem Thron erneut berühren.
Mit meinen Überlegungen so weit gekommen, bemerkte ich, dass der Gesang in meinem Kopf verschwunden war, und zugleich nahm ich weit entfernt die Andeutung eines diffusen, schwachen Lichtscheins wahr. Sobald ich das Licht sah, gab es für mich nur eines: Dessen Quelle zu ergründen, denn ich hoffte, dort einen zweiten Ausgang zu finden, um nicht mehr jene Treppe erklimmen zu müssen, in völliger Finsternis und in Reichweite der Reliefs.
Vorsichtig richtete ich mich zu kniender Position auf und stieß dabei mit dem rechten Arm gegen etwas, das scheppernd davonrollte. Ich zuckte zusammen, mich auf alles mögliche gefasst machend, doch dann fiel mir ein, dass es sich nur um die Lampe handeln konnte, die ich nicht weiter mit mir herumtragen würde, da sie ohnehin nutzlos geworden war, denn Karbid zum Nachfüllen trug ich nicht bei mir.
Langsam, tastend, machte ich mich auf den Weg. Ich mochte wohl an die hundert Fuß vorangekommen sein, als ich auf einen Gegenstand trat, der knackend zerbrach und mich beinahe stolpern ließ. Ich hob eines der Stücke vom Boden auf, um es näher zu untersuchen. Mit forschenden Fingern fuhr ich von der Bruchstelle aus über meinen Fund und stieß am anderen Ende auf eine Verdickung. Das Material fühlte sich etwas rauh an, wies aber keine größeren Unregelmäßigkeiten auf.
Zuerst wusste ich meinen Fund nicht einzuordnen, doch nach einigem Nachdenken wurde mir seine Natur bewusst, und voller Abscheu schleuderte ich ihn von mir, wobei er schon nach kurzem Flug aufgehalten wurde und ein klapperndes Geräusch verursachte. Es war ohne Zweifel ein menschlicher Oberschenkelknochen, mir aus meinen Anatomiestudien wohlbekannt, und die Ursache des Klapperns lag somit höchstwahrscheinlich in einem ganzen Haufen solcher Relikte, der sich in nächster Nähe befinden musste. Dies musste die Quelle des miasmatischen Gestanks sein, der seit undenklichen Zeiten den nackten Fels schwängerte, die Luft faulig schmecken ließ - denn ein Oberschenkel bricht nicht einfach durch, es sei denn, er ist von beträchtlichem Alter. Und ich musste an diesem Beinhaus vorbei, wollte ich zum Licht gelangen!
Darauf bedacht, mich so gut es eben ging von dieser Ansammlung der Vergänglichkeit fernzuhalten, strebte ich weiter. Doch wenige Schritte später trat ich wieder auf einen dieser Knochen, die in großer Anzahl hier in der Dunkelheit zu liegen schienen. So blieb mir nichts übrig, als mich auf die Knie niederzulassen, um, sei es noch so furchtbar, mich völlig meinem Tastsinn anzuvetrauen. Rasch merkte ich, dass hier ein schmaler Pfad zwischen zwei Gebeingebirgen verlaufen müsse. Weiter, immer weiter kroch ich voran, immer wieder Schädel berührend, Wirbelknochen und andere Zeugen unsagbar infernalischen Orgien, ab und an auch ein grotesk geformtes Fragment, das sich keinem irdischen Organismus zuordnen ließ.
Schließlich säumten die Knochen in immer geringerer Anzahl den Pfad, und bald war der Weg ganz frei. Ich richtete mich auf, ging noch ein Stück weiter und setzte mich zu einer kurzen Rast auf den Boden nieder. Der miasmatische Gestank war schwächer geworden, dafür trat ein anderer in den Vordergrund, eine schweflige Ausdünstung aus den tiefsten Tiefen der Hölle. Auch die Temperatur war merklich angestiegen. Daher zog ich meinen Rock aus und lockerte den Hemdkragen, was mir einige Erleichterung verschaffte. Und noch etwas: Der Fels, auf dem ich saß, schien wärmer als der, auf dem ich kurz zuvor entlanggekrochen war.
Meine Augen hatten sich mehr und mehr an die Dunkelheit gewöhnt, und so konnte ich, zumal der Lichtschein deutlich heller geworden war, Teile meiner näheren Umgebung erkennen. Ich sah, dass die Farbe des Untergrunds sich geändert hatte: Graubraun im Bereich der Treppe und des tunnelartigen Gangs mit dem letzten Relief, war er hier pechschwarz und erinnerte an Basalt. Dies, der Schwefelgeruch und die Hitze ließen in mir die Überzeugung reifen, dass ich nicht dem Licht des Tages entgegenstrebte, sondern vom Schein weißglühender, flüssiger Steinmassen getäuscht worden war, die sich, einem Flusse gleich, durch diese Unterwelt wälzten.
Diese Einsicht übte eine vernichtende Wirkung auf mich aus, bedeutete sie doch das Ende aller Hoffnungen auf einen zweiten Ausgang. Aber ich wollte, so weit vorgedrungen, nicht wieder zurück. So stand ich denn auf und ging weiter, und je weiter ich kam, desto mehr enthüllte sich meinen ringsum spähenden Augen. Doch es war nicht viel, was ich sah, denn die Höhle, in der ich mich aufhielt, war gigantisch. Die Decke konnte ich gerade noch erspähen, wohl 500 Fuß über mir hing sie gleich einem höllischen Firmament, doch die seitlichen Begrenzungen verloren sich in undurchdringlichem Dunkel. Diese Ausmaße gemahnten mich unangenehm an jene Höhle, in der das monströse Wesen thronte. Schaudernd blieb ich stehen, jetzt erst gewahr werdend, dass der Boden schon seit geraumer Zeit leicht abfiel. Tiefer und tiefer also führte mich mein Weg.
Im mittlerweile ziemlich starken Licht konnte ich noch etwas erkennen: An die 1500 Fuß voraus erhob sich ein ungefähr mannshoher Wall aus jenem schwarzen Gestein, das auch den Boden bildete.
Ich schritt voran, dem Wall entgegen, erfüllt von jenem falschen Mut, den nur Hoffnungslosigkeit hervorbringt. Mit jedem Schritt verstärkte sich die Hitze, und als ich den Wall endlich schweißgebadet erreichte, war sie schier unerträglich. Mir war klar, dass ich mich hier nicht lange würde aufhalten können. Auf gut Glück hielt ich mich linker Hand am Wall entlang. Zu ergründen, was dahinter läge, war unmöglich: Zum Überblicken war er zu hoch, zum Erklimmen zu heiß.
Ich brauchte nicht weit zu gehen: Bald schon entdeckte ich eine Lücke in dieser nicht von Menschenhand geschaffenen Mauer, deren Breite, wie ich nun sah, an die 30 Fuß betrug. Die Lücke markierte den Anfang eines abfallenden Hohlweges, der sich, einer Schlucht gleich, geradlinig durch den Fels zog. Der Ausgang dieses Hohlwegs lag in blendender Helle, etwa 300 Fuß entfernt.
Die intensive Hitze, von den Steinmassen ausstrahlend, ließ mich die Mitte des Weges einhalten. Auch der aufgeheizte Boden machte sich durch die zu dünnen Sohlen meiner Schuhe peinigend bemerkbar. Das Ende des Durchbruchs, der in einem Felsband mündete, brachte keine Erleichterung, denn nicht weit voraus befand sich die Quelle der Hitze: Ein tiefer, ungeheuer breiter Einschnitt im Fels, auf dessen Grund ich den Lavastrom vermutete, dessen Vorhandensein jetzt unbezweifelbar war.
Meine Vermutung bestätigte sich, als ich den Abgrund erreichte, der zum Mittelpunkt der Erde zu reichen schien. Majestätischer als alle Ströme der Welt wälzte sich dort ein Meer glutflüssigen Gesteins träge vorwärts, und ich war überzeugt, die Mutter aller Vulkane gefunden zu haben.
Aber wie die andere Seite des Abgrunds erreichen? Ich sah mich um, nicht wissend, worauf ich hoffte, denn die Hitze hatte mich nicht nur körperlich, sondern auch geistig sehr geschwächt. So dachte ich nicht an das Naheliegendste, eine Brücke, und war aufs Höchste überrascht, eine solche in einiger Entfernung zu meiner Linken zu entdecken.
Das Weitere geschah rein mechanisch, und so kommt es, dass ich bis heute nicht weiß, wie ich über jene Brücke gelangt bin, noch, wie weit der Weg war. Tatsache ist, dass ich erst geraume Zeit nach Überquerung der Schlucht wieder zu mir kam. Völlig erschöpft brach ich zusammen und sank erneut in tiefen Schlaf.
VI
Wiederum musste bis zu meinem Erwachen eine längere Zeit verstrichen sein, denn ich verspürte nagenden Hunger und, mehr noch, Durst. Ich erinnerte mich an die Schokolade, die ich vor meinem Aufbruch noch eilig in die Hosentasche gestopft hatte. Mein Gott, wie lange mochte das her sein?
Ich griff in die bewusste Tasche und langte ein verkrümmtes Paket hervor. Externe Hitze und meine eigene Körperwärme hatten der Schokolade arg zugesetzt, die, zusammen mit dem Schweiß, den ich in Strömen vergossen hatte, das umhüllende Papier an einigen Stellen vollständig aufgelöst hatten. Trotzdem aß ich, und trotz des bedauernswerten Zustands der Schokolade und meiner selbst war mir nie eine Mahlzeit köstlicher erschienen. Gegen meinen Durst konnte ich allerdings nichts tun, die letzten Wassertropfen waren seit langem verbraucht.
In meinem Zustand hätte ich die Brücke kein zweites Mal überwinden können, also strebte ich wieder vorwärts, fort von jener unterirdischen Esse. Mit jedem Schritt wurde es kühler, dennoch wuchs mein Durst mehr und mehr, und in einer Art Dämmerzustand, der vortrefflich zum wieder schwindenden Licht passte, torkelte ich weiter, bis ich von einer steilen Felswand aufgehalten wurde. Schon glaubte ich, meinem Vordringen, und damit dem letzten Fünkchen Hoffnung auf Überleben, sei ein Ende gesetzt, als ich etwas hörte, was ich in dieser vulkanischen Unterwelt nie erwartet hätte: plätscherndes Wasser.
Meine Lebensgeister meldeten sich zurück. Ich trat ein wenig von der Felswand zurück und starrte angestrengt nach rechts und links. Links sah ich nichts außer Dunkelheit, rechts jedoch wurde das kümmerliche Licht reflektiert: Dort musste ich hin. Und tatsächlich fand ich Wasser, wenn auch nur ein dünnes Rinnsal, das die Felswand herabfloss.
Zurückblickend hat mir dieses Wasser das Leben gerettet. Sein Genuss stärkte mich so weit. dass ich in der Lage war, den langen Rückweg zu bewältigen; mittlerweile hatte ich nämlich eingesehen, dass eine weitere Erforschung Wahnsinn gewesen wäre, obschon nicht unmöglich, denn direkt neben dem Wasserfall führte eine in den Stein gehauene Treppe steil nach oben und verlor sich in der Finsternis. Vielleicht aber hatte ich einfach nur den Mut verloren - oder meinen Verstand wiedererlangt.
Über den Rückweg ist nicht viel zu berichten. Ich erlebte ihn nur bruchstückhaft, und es ist ein Wunder, dass ich ohne eine die Richtung weisende Lichtquelle als Anhaltspunkt den Weg nicht verfehlt und mich in der Unermesslichkeit der unterirdischen Hallen verirrt habe.
Meine Rückkunft in Bellincore Castle muss glücklicherweise just zu dem Zeitpunkt erfolgt sein, da der Händler die Lebensmittel ablieferte, denn man erzählte mir später, dass er es war, der mich fand und einen Arzt verständigte. Auch erzählte man mir, dass ich in den zwei Wochen, während derer ich im Fieber lag, andauernd von einer Höhle gemurmelt hätte, von einer Treppe und Vulkanen, und dass ich von Zeit zu Zeit völlig unsinnige Verse skandiert hätte, die trotz ihrer Unverständlichkeit jeden, der sie hörte, mit Entsetzen erfüllten.
Indes hielt man all das für Fieberphantasien, da die besagten Orte nie gefunden wurden, und auch ich selbst war mir nicht mehr sicher, ob es sich um einen Traum handelte oder um Realität. Ich wusste noch genau die Stelle, an der sich die Höhle befinden musste, aber ich wagte nicht, davon zu erzählen noch mich selbst zu vergewissern, denn ich hatte Angst, nicht geträumt zu haben.
VII
Tage wurden zu Wochen, Wochen zu Monaten, Monate zum Jahr. Völlig genesen von der Krankheit, die mich wochenlang niedergestreckt hatte, war das Fieber nur noch eine verblassende Erinnerung.
Die Arbeit in der Bibliothek zeitigte gute Fortschritte - in der Tat hatte ich den weit überwiegenden Teil des Bestandes bereits katalogisiert - als ich in einem der entlegensten Winkel des Raumes jene Bücher fand, die mich endgültig ins Verderben stürzen sollten.
Es würde zu weit führen, alle aufzuzählen, und zu gefährlich wäre es auch. Nur einige seien hier genannt: Die "Cult des Ghoules" vom Comte d´Erlette, die "Schwarzen Riten" des Luveh-Keraphf, und, nicht zuletzt, das "Necronomicon", jenes legendäre, verrufene Werk des wahnsinnigen Arabers Abdul Alhazred.
Schon in London hatte ich von Letztgenanntem gehört, es war mir jedoch nie gelungen, Zugang zu dem im Britischen Museum für die Öffentlichkeit unzugänglich verwahrten Exemplar zu erhalten. So las ich es denn jetzt, und mit jeder Seite, die ich umblätterte, wuchs mein Entsetzen. Dennoch konnte mich nichts erschüttern, hielt ich doch alles, wie meinen eigenen Fieberwahn, für die überspannte Phantasie eines Irren. So wenigstens wollte ich es sehen.
Ich fand nachgerade eine morbide Freude an der Lektüre, bis ich auf eine Passage stieß, die mich mit wahnwitzigem Grauen erfüllte: Dort, niedergeschrieben im "Necronomicon", fand ich den Text des Gesangs, den ich vor einem Jahr vernommen hatte!
Jetzt erst erinnerte ich mich wieder an alles, erinnerte mich an das, was ich vergessen wollte. Hatte ich nicht die Legenden um Yog-Sothoth gelesen? Wurde nicht gekündet vom hirnlosen Gott Azathoth im Zentrum des Chaos? Kannte ich diese Namen nicht? Alhazred schrieb die Wahrheit!
Dem Wahnsinn nahe musste ich mich vergewissern. Ich musste zur Höhle, musste wissen, ob ich nicht tatsächlich schon wahnsinnig sei, ohne es zu erkennen. Da! Da war die Höhle, da war der entsetzliche Geruch. Schon taumelte ich voran, dem Eingang zu, als ich mir des Wahnwitzes meiner Handlungen bewusst wurde und umkehrte.
Nun hätte ich die Wahrheit meiner vermeintlichen Fieberphantasien beweisen können. Warum ich es nicht tat, weiß ich nicht, doch ich weiß heute, dass es besser war zu schweigen, denn so wird niemand außer mir je das Grauen erleben, das überall auf der Erde lauert und unter ihr, die Blasphemie, schleichend, kriechend, pfeifend, schnatternd...
Ich traf meine Vorbereitungen, sog den Inhalt des Necronomicon in mich auf, las die wichtigsten der anderen Bücher, machte Notizen, zog Vergleiche. So glaubte ich, gut gerüstet zu sein für einen erneuten Abstieg in die Unterwelt. Vermessener Narr, der ich war, die allzu deutlichen Warnungen Alhazreds in den Wind zu schlagen!
VIII
Den zweiten Abstieg über die Treppe zu schildern erspare ich mir: Es erbrächte nichts Neues. Ich vermied, jenes horrible Bildwerk noch einmal zu betrachten; es hatte sich ohnehin unauslöschlich in meine Erinnerung eingegraben. Den Gesang hörte ich nicht wieder, nichts zwang mich zu einer Handlung, die ich nicht begehen wollte.
Allzu gern hätte ich auch vermieden, den schrecklichen Pfad zwischen den Gebeinen zu betreten, allein, dies war unmöglich, es gab keinen anderen Weg.
Ich fragte mich, ob dies tatsächlich der Ort war, an dem die Orgien stattgefunden hatten. Logischer erschien mir die Vermutung, es handele sich bloß um einen Friedhof, oder besser, eine Deponie. Wie lange mochte es gedauert haben, diese Menge an Überresten anzuhäufen? Einige der Fragmente, die ich sah, wirkten unsagbar alt, älter als die Menschheit, älter selbst als die Erde. Eben jene Relikte waren es auch, die ich nicht hatte einordnen können, als ich sie das erste Mal ertastete. Selbst jetzt, da ich sie sehen konnte, versagte sich mir ihre Herkunft, und ich empfand kein Verlangen, weiter darüber nachzudenken, denn allein ihr Anblick bereitete mir ein über bloßen Ekel hinausgehendes Unbehagen.
Endlich erreichte ich das Ende des Pfades. Nachdem ich noch ein kurzes Stück weitergegangen war, drehte ich mich um und leuchtete die weißlich-graue Abnormität an. Trotz meiner unguten Gefühle überkam mich Ehrfurcht vor der schieren Masse sterblicher Überreste, denn ein Schwenk der Lampe nach links, rechts und oben zeigte keine Begrenzung der Anhäufung. Eine Zeitlang blieb ich so stehen, angesichts dieser Zeugen weit zurückliegender Zeitalter erfüllt von Gedanken über die Bedeutungslosigkeit des wimmelnden Lebens auf unserem Planeten.
Schließlich wandte ich mich um und leuchtete den Weg vor mir ab. Dabei stellte ich fest, dass der Teil der Höhle, in dem ich mich befand, künstlich nach oben erweitert worden sein musste, denn etwa 90 Fuß voraus zeigte sich im Schein der Lampe eine schnurgerade Abrisskante an der Höhlendecke, wie mit einem Lineal gezogen. Von diesem Punkt ab stieg die Decke senkrecht an, in ihrem Verlauf absolut eben, während die Höhlendecke jenseits der Abrisskante aus normalem, unregelmäßig geformtem Gestein bestand.
Dafür konnte es nur eine Erklärung geben: Der als Deponie dienende Teil der Höhle war künstlich erweitert worden, doch nicht von Menschenhand. Als dieser Raum geschaffen wurde, war die Menschheit nicht mehr als eine Erinnerung in die Zukunft.
Über die angewandten Mittel war ich mir vollständig im Unklaren, doch hatte ich im Necronomicon gewisse Andeutungen über die Fähigkeiten der schrecklichen Schoggoths gefunden. Diese Wesen könnten es vollbracht haben...
Über diesen Punkt hinauszudenken wagte ich nicht: Mir schauderte vor den Konsequenzen. Eilig machte ich mich auf, aus dem Bereich des unheiligen Gewölbes zu entkommen. Einige Zeit später war es hell genug geworden, die Lampe auszuschalten, und kurz darauf stand ich erneut vor Brücke.
Sie schien natürlichen Ursprungs zu sein, aber auch hier fand ich Spuren einer Bildhauertätigkeit. Ich sage Spuren, weil der Künstler offenbar mitten im Werk unterbrochen worden war. Den Grund der Unterbrechung vermochte ich nicht zu erraten, und als ich ein liegengebliebenes, meißelähnliches, sinister geformtes Werkzeug fand, offensichtlich in höchster Eile zurückgelassen, verlor ich jede Lust zu eingehenderen Nachforschungen, zumal das, was von den Reliefs schon fertiggestellt war, mich aufs Höchste abstieß. Ich vermutete, auf Abbilder jener Wesen gestoßen zu sein, von denen Alhazred schreibt, sie seien "aus der Welt jenseits von Tod und Leben" gekommen. Mehr äußerte er nicht über sie, nur eines noch: "Selbst die Große Rasse fürchtete sich vor ihnen."
Ich hatte genug gesehen, um den Wunsch zu haben, so schnell wie möglich zur zweiten Treppe zu gelangen. Man stelle sich den Aberwitz meiner Situation vor: Ich, der ich schon jetzt genug Furchtbares erlebt und gesehen hatte, um mein ganzes Leben lang den Zwang zu verspüren, nach hinten über die Schulter zu spähen, ob mir nicht jemand oder Etwas folge, bereit, mich jeden Moment anzuspringen, drang trotzdem weiter vor, zu jener Treppe, die in mir völlig unbekannte Regionen führte. Wahnsinn? Ja, vielleicht.
Die Treppe führte steil nach oben, war jedoch verhältnismäßig kurz und mündete auf ein Plateau, das mich in seiner Ebenheit unangenehm an das Gewölbe des Todes erinnerte.
Hier schien der Weg zu enden. Vor mir ragte eine Felswand steil auf, unerklimmbar, hinter mir führte die Treppe zurück. Ich war erleichtert und gleichzeitig enttäuscht: Sollten meine Forschungen hier ein Ende finden? Andererseits blieb mir so Schlimmeres als die Reliefs erspart.
IX
Fast wäre ich umgekehrt, wäre mir nicht im letzten Moment, als ich meine Lampe nach links und rechts über die Felswand schwenkte, aufgefallen, dass sie, ganz wie der Eingang der Höhle bei Bellincore Castle, das Licht nicht reflektierte, sondern zu verschlucken schien. Und in der Tat: Wo ich soliden Fels erwartet hatte, befand sich auf einer Fläche von etwa 300 auf 150 Fuß nichts. Dieses Nichts indes wirkte unermesslich bedrohlicher als der Höhleneingang, hatte eine andere Qualität. Ich stand vor einer pechschwarzen Fläche von der Farbe des sie umgebenden Gesteins, und dennoch gänzlich anders, fremd, kalt, gefühllos. Wenn ich genau hinsah, war es auch nicht ganz die gleiche Farbe, da war etwas Ungreifbares, Unbeschreibliches, ein Pesthauch aus einer anderen Welt.
Nie hätte ich geglaubt, dass eine Farbe nacktes Grauen heraufbeschwören könne - hier war es so. Dieses Schwarz konnte, durfte nicht existieren. War ich vorhin noch enttäuscht, nicht weiter vordringen zu können, war ich nun entsetzt, es zu müssen, denn gegen meinen Willen, unter einem übermächtigen Zwang stehend, so, wie ich es schon einmal erlebt hatte, bewegte ich mich auf die Schwärze zu. Gleich musste ich sie berühren, mein Gesicht war nur noch eine Fingerbreite von der Fläche entfernt, jetzt, jetzt...
Ich muss an diesem Punkt die Schilderung meiner Abenteuer kurz unterbrechen, denn selbst heute noch, in der Rückschau, übermannt mich der Terror jenes Augenblicks so mächtig, dass ich nicht die Kraft finde, unmittelbar fortzufahren. Es war in der Tat ein Moment abgrundtiefsten Entsetzens, wusste ich doch nicht, was mich erwartete. Ich hatte nur eine vage Vorahnung unsagbarer Schrecken, und die Intensität dieser Schrecken übertraf alles Bisherige bei weitem. Nicht einmal die Gnade einer Ohnmacht war mir vergönnt. Wortfetzen aus dem Necronomicon flogen mir durch den Kopf, Auszüge aus dem Buch von Eibon und den Pnakotischen Manuskripten. Doch es waren nicht nur abstrakte Worte, die sich in meinem Gehirn aufs Absonderlichste vermischten, vielmehr nahm jedes dieser Worte fürchterliche, reale Gestalt an. Dies war wohl der Augenblick, in dem ich vorübergehend den Verstand verlor, denn wie sonst sollte ich meine Handlungen von diesem Moment an erklären - falls sie überhaupt jemals etwas anderes waren als Wahnsinn?
Ich spürte nichts, als ich die Fläche berührte, noch wusste ich den Zeitpunkt, wann dies geschah, hielt ich doch meine Augen vor dem Ansturm des Grauens fest geschlossen. Mit geschlossenen Augen taumelte ich einige Schritte vorwärts, und ohne die Lider zu öffnen, spürte ich instinktiv, mich an einem völlig anderen Ort zu befinden als kurz zuvor.
Ich weiß nicht, wie lange ich so dastand. Ich hielt diese Zeitspanne damals für sehr lang, indes mögen vielleicht nur einige Sekunden vergangen sein. In meinem Kopf wirbelte es noch von den eben erlebten Schrecknissen, doch die Nachwirkungen verebbten bald. Schließlich öffnete ich meine Augen.
Wie ich schon vermutet hatte, befand ich mich nicht mehr in der Höhle unter Bellincore Castle, sondern in einem seltsamen Gebäude, das nicht in der näheren Umgebung meiner Heimat stehen konnte. Der Raum, den die Strahlen meiner Lampe kaum erhellen konnten - die Atmosphäre schien das Licht zu absorbieren - hatte einen fünfeckigen Grundriss. Die Decke indes war nicht fünfeckig, und ich weiß bis heute nicht, wie viele Ecken sie eigentlich hatte, ob sie überhaupt Ecken hatte. Alles war...verdreht, verzerrt...konturlos... Jedenfalls unterlag dieser Raum nicht den Gesetzen der uns bekannten dreidimensionalen Geometrie.
Allein dies hätte als Grund für eine sofortige Rückkehr genügen sollen - das schwarze Tor lag unmittelbar hinter mir - doch ich konnte, wie gesagt, nicht mehr klar denken. Mein Wahrnehmungsvermögen war von dieser Sinnestrübung allerdings nicht betroffen, und so kommt es, dass ich mich mit grausamer Schärfe all dessen erinnern kann.
Ich richtete meine Aufmerksamkeit nunmehr auf die Wände. In jeder Wand, außer in der in meinem Rücken mit ihrer verkleinerten Ausgabe des Tores, sah ich ein Fenster, nirgends jedoch eine Tür. Meine Suche nach einem Mechanismus etwelcher Art, der vielleicht einen Ausgang geöffnet hätte, blieb ergebnislos. Wenn ich Pech hatte, befand ich mich in einer Höhe, die ein Verlassen des Gebäudes durch eines der Fenster unmöglich machen würde.
Ich hatte jedoch Glück und war ins Parterre geraten - sofern irdische Ausdrücke hier Anwendung finden können - und es war mir ein Leichtes, ins Freie zu gelangen.
Draußen war es nicht dunkel und nicht hell. Ein diffuses Licht ohne ersichtliche Quelle erfüllte alle Winkel, ohne Schatten zu werfen, fast, als phosphoreszierte die Luft selbst. Meine Lampe war nutzlos, zumal ihr Licht immer schwächer wurde, als würde es aufgesogen, also ließ ich sie zur Kennzeichnung des Gebäudes, dem ich entstiegen war, in einer Fensteröffnung zurück.
Die Stadt, die ich nun durchstreifte, erinnerte in nichts an jene Städte, die ich auf meinen Studienreisen zuvor gesehen hatte. Die Gebäude hatten megalithische Dimensionen und bestanden alle aus einem schwarzen Stein, der Ähnlichkeit mit Basalt hatte, doch keiner war, denn ich konnte mit meinem Geologenhammer keine Probe abschlagen, nicht einmal einen Kratzer verursachen. Das Baumaterial stammte also nicht aus der Vulkanhöhle. Alle Gebäude machten ob ihrer Makellosigkeit den Eindruck, gerade eben erst erbaut worden zu sein, und doch verströmten sie eine Aura unsagbaren Alters. Nirgends fand ich eine Tür, auch keine Treppen, als ich durch die Fenster in einige der Häuser hineinsah. Welche Wesen mochten diese Stadt bewohnt haben? War sie jemals bewohnt? Wenn, dann mussten die Einwohner ohne Zweifel längst ausgestorben sein, denn ich stieß auf keinerlei Überreste, nicht einmal Staub, nur auf totes, kaltes Gestein.
Ich umrundete ein weiteres Gebäude, nichts erwartend außer einer Fortsetzung der Monotonie. Doch das Bauwerk, dass sich hier, an einem weiten Platz gelegen, meinen Blicken darbot, war anders, wirkte selbst in dieser Umgebung fremdartig. Es musste älter sein als alle anderen Gebäude der Stadt zusammen, denn, obwohl aus dem gleichen, schier unzerstörbaren Material bestehend, zeigte es Anzeichen von Verfall. Nicht, dass ich vor einer Ruine gestanden hätte: Hier und da war ein Stückchen der Oberfläche abgebröckelt, sonst war es intakt. Ich hob einige dieser Fragmente auf, mit dem Hintergedanken, sie später zu analysieren.
Wer je vor einer der ägyptischen Pyramiden gestanden hat, mag in etwa nachvollziehen können, welche Gefühle mich bewegten. Hier wie dort fühlt man sich erschlagen von der Wucht des Bauwerks und ausgeschlossen ob seiner scheinbaren Unzugänglichkeit, denn dieses Gebäude hatte, ungleich allen anderen, keine Fenster. Daher wandte ich mich nach links, um die Front dieses Denkmals einer vergessenen Architektur abzuschreiten, in der Hoffnung, doch einen Eingang zu finden.
Schier endlos erstreckte sich die dunkle Fläche zu meiner Seite, von keiner Verzierung, von keinem Wandvorsprung unterbrochen. Dennoch hatte ich den Eindruck, der Stein verändere sich. Nicht länger tot, war er erfüllt von eklem, pulsierendem Leben, die gesamte Umgebung vergiftend. Ich war überzeugt, dem Endpunkt meiner Reise nahe zu sein, und fand mich kurz darauf bestätigt.
Eine maßlose Öffnung tat sich in der Wand auf, maßlos in Ausdehnung und Heimtücke, der aufgerissene Rachen eines Alligators, jederzeit zum Zuschnappen bereit, zum Zerfetzen, der Schlund der Hölle selbst...doch statt mich stehenden Fußes umzudrehen und zu fliehen, nur fort, fort, trat ich ein.
Im Inneren herrschten die gleichen Lichtverhältnisse wie allenthalben an diesem unheiligen Ort. Ich beschloss, den Weg, den ich außerhalb des Gebäudes abgeschritten hatte, an der Innenwand zurückzuverfolgen. Allerdings überkam mich alsbald das Gefühl, die Innenwand sei trotz ihres scheinbar geraden Verlaufs leicht gekrümmt, so dass ich tiefer und tiefer vordrang in die blasphemische Halle.
Dann sah ich, was mir den kümmerlichen Rest dessen raubte, was einst mein Verstand gewesen war. Vor mir, im Boden, öffnete sich ein Loch, auf dessen Grund einst unheiliges Leben gewimmelt hatte, Würmer, die fraßen und schmatzten. Dies war der Ort, an dem das namenlose Wesen ohne Augen über millionenfache Qual regiert hatte, sich ergötzend, vollgesogen.
Aber...was war das...konnte es sein...nein...nein...die Grube war nicht leer...dort unten...sie lebten...sie waren noch immer hier...
In blinder Panik rannte ich los, des Weges nicht achtend, der Gefahr nicht bewusst, in eine der Gruben zu stürzen, die sich zahlreich und immer zahlreicher rings um mich öffneten. Ich rannte ohne Ziel, und doch lenkte ein fremder Einfluss meine Schritte in Richtung des Zentrums der Halle, in Richtung des Throns. Und dort, auf der Sitzfläche liegend, fand ich das Kästchen. Ich nahm es an mich und endlich, endlich fand ich den Weg zurück, floh diesen Ort, nur von einem einzigen Gedanken beseelt: Heimkehr.
X
Seit den beschriebenen Ereignissen sind fast zwei Jahre vergangen, und in diesen zwei Jahren ununterbrochenen Studiums der alten Schriften habe ich das Geheimnis der Stadt und des Kästchens gelüftet. Ich weiß, ich bin verloren, doch was viel schwerer wiegt, auch die Welt, wie wir sie kennen, ist verloren, wenn ich nicht handle.
Die Stadt, die ich entdeckte, ist Leng, verloren vor sich hindämmernd in den Schatten der Zeit. Einst war sie bevölkert von jenen, welche die Große Rasse fürchtete, doch sie wurden besiegt und vertrieben in eine Dimension jenseits von Raum und Zeit. Die Große Rasse ließ das Kästchen in jener Halle zurück, um den Anderen die Rückkehr zu verwehren. Es ist ein Kristallisationspunkt kosmischer Energien, die das Dimensionstor verschlossen hielten, die einzige Möglichkeit der Anderen, die Erde von außerhalb zu betreten.
Ich habe das Kästchen geöffnet und hineingesehen. Ich habe die Anderen erblickt...und die Anderen mich...und sie haben mir zugeraunt, dass ich das Siegel gebrochen habe, dass sie sich erinnern. Und der Gesang schwillt an, Tag für Tag. Sie kommen näher.
Wenn ich nun an jenen Ort zurückkehre, weiß ich, dass die Halle bevölkert sein wird - und nicht allein von den Zurückgelassenen in ihren schleimerfüllten Gruben. Die Anderen werden dort sein, um ihre Herrschaft zu erneuern. Doch ich kenne das Ritual, um sie erneut zu vertreiben und ihnen das Tor zu versiegeln.
Sollte ich erfolgreich sein, werde ich trotzdem nicht zurückkehren, denn der Strudel, der die Anderen fortschleudert, wird auch mich mit sich reißen. Den Tod fürchte ich nicht, wohl aber die ewige Verdammnis, der ich anheimfallen werde, denn jene Wesen sind ungeheuer rachsüchtig. Und niemand außer mir wird ihrem Vergnügen dienen können, wenn die Jahrtausende in lichtlosen Abgründen versickern.
Ich muss eilen, bevor die Kraft mich verlässt, denn ihr Einfluss wird stärker. Sie locken mich, flüstern Versprechungen, raunen von Teilhabe, von Macht. Ich darf nicht nachgeben. Iä, Schub-Niggurath!
Bevor ich gehe, werde ich in der Bibliothek Brand legen, auf dass jene fluchwürdigen Bücher der Vergessenheit anheimfallen. Folgt mir nicht.
Epilog
Auszug aus dem Bericht von Constable James Wright, Polizeiwache Craigh Morgan
In Zusammenhang mit dem vollständigen Niederbrennen von Bellincore Castle sind folgende Punkte festzuhalten, die nicht endgültig geklärt werden konnten:
1. Die Leiche des Earl of Bellincore wurde nicht aufgefunden.
2. Ein kurzer, jedoch heftiger Erdstoß erschütterte kurz nach dem Eintreffen der Feuerwehr die Umgebung von Bellincore Castle. Gleichzeitig stieg etwa drei Meilen nordöstlich des Anwesens eine Wolke schwarzen Rauches auf, der von Zeugen als "abscheulich stinkend" bezeichnet wurde.
Nach Ende der Löscharbeiten wurde ein Manuskript in einem feuersicheren Behälter aufgefunden (Manuskript der Akte beigefügt). Die Feuerwehrleute begaben sich zu der Stelle der merkwürdigen Raucherscheinung.
Sie stellten fest, dass das alte Bergwerk eingestürzt war. Das Bergwerk, vor 100 Jahren bereits aufgelassen, wurde völlig zerstört.
Das Manuskript muss als Phantasie eines Wahnsinnigen angesehen werden, denn die beschriebenen Orte sind nicht auffindbar. Im Bergwerk wurde nie eine der Schilderung entsprechende Treppe angelegt, wie die Unterlagen im Stadtarchiv von Edinburgh beweisen. Der Earl of Bellincore hat sich von seiner Krankheit vor drei Jahren offensichtlich nie erholt. Es ist zu vermuten, dass er sich zum Zeitpunkt des Einsturzes im Bergwerk befand.



