Wortsalat
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Finale

Sie war müde, ihr gewaltiger Körper angefüllt von der Leere eines einsamen Jahrhunderts. Ihre Schuppen, einst leuchtend grün und golden und rot, irisierend im Licht der Sonne, waren stumpf geworden, seit sie nicht mehr in den Flüssen und Seen badete, ihren Leib an der Rinde der Bäume zu schimmerndem Glanz erweckte.

Hundert Jahre: Ein Wimpernschlag in ihrem Jahrtausende währenden Leben, doch jeder Tag dieser hundert Jahre wog schwerer als all die Zeit zuvor.

Nach einer Woche der Liebe war ihr Gefährte erschlagen worden. Versunken in friedlichem Schlummer, erschöpft von der Anstrengung, lag er auf einem hohen Fels, hatte alle Vorsicht vergessen, sich nicht in die Höhlen zurückgezogen, ihre letzte Zuflucht.

Es geschah nicht so, wie die Barden in ihren Gesängen kündeten. Keine entführte Prinzessin, kein verborgener Schatz, kein edelmütiger Ritter. Eine Horde schmutziger Landsknechte hatte ihn erspäht, sich angeschlichen im Schutze seines Schlafs. Sie hatten ihn ermordet, mit unzähligen Axthieben und Schwertstreichen, zerstückelt, zerfetzt, bevor er den Schatten der Träume abschütteln konnte.

Seinen Kopf, die Trophäe, hatten sie landauf, landab präsentiert, gefeiert von den Menschen in den Städten und Burgen, den gleichen Menschen, die wenig später, in irgendeinem der Kriege, die stets geführt wurden, von gleicher Hand starben.

Sie hatte nach anderen gesucht, diese hundert Jahre lang, nach anderen ihrer Art. Keinen hatte sie gefunden. Sie war der letzte Drache, das Vermächtnis ihrer Rasse. Die Zeit war gekommen.

Sie erschien vor den Mauern der Stadt, pochte an mit einem gewaltigen Grollen. Hörnerklang weckte Bevölkerung und Garnison. Auf den Zinnen versammelten sich Edelleute und Ritter, zitternd vor Furcht. Sie legte sich nieder und wartete.

Im Morgengrauen öffnete sich das Tor und spie eine Streitmacht aus. Fußvolk, Lanzenträger, Bogenschützen, gepanzerte Berittene, wohl an die Zweihundert insgesamt.

Ein Hagel von Pfeilen: Sie achtete ihrer nicht. Die Lanzenträger rückten vor, langsam, angetrieben von den Befehlen ihrer Herren, widerwillig, furchtsam. Auch ihrer achtete sie nicht.

Die Gepanzerten attackierten. Sie richtete sich auf, um ihre verwundbare Stelle darzubieten, und brachte den Angriff zum Stocken.

"Tötet mich", sprach sie. Aus den hinteren Reihen ritt ein prächtig gekleideter Ritter auf sie zu und verharrte in einigem Abstand. Er klappte sein Visier hoch.

"Du kannst sprechen?" fragte er verwundert. "Ja, ich kann sprechen. Wir alle konnten sprechen, viele Sprachen. Die eure, die der Tiere des Waldes und die der Vögel in der Luft. Die Sprache der Flüsse und des Feuers, der Berge und des Windes. Alle hörten zu - alle, außer euch."

"Ihr habt unser Vieh getötet und unsere Frauen verschleppt, unsere Städte verbrannt und unsere Länder verwüstet. Warum hätten wir zuhören sollen?" erwiderte der Edelmann.

"Ja, so geht die Sage, dass wir all dies getan hätten. Doch wisse, es waren eure eigenen Taten, eure Schande, die ihr uns angedichtet habt. Nie haben wir euch ein Haar gekrümmt, doch ihr, in eurer vermessenen Blindheit, in eurer Suche nach Rechtfertigung, habt uns gejagt, bis nur noch ich übrigblieb. Töte mich!"

"Nein, in diesem Kampf liegt keine Ehre. Ich werde dich nicht töten, wenn du dich nicht wehrst."

"Ehre! Ja, ihr kämpft und mordet um der Ehre willen - so behauptet ihr. Einen ehrenvollen Kampf willst du, einen Sieg, der besungen wird? Gut, du sollst ihn haben."

Sie richtete sich zu voller Größe auf, wandte ihr Haupt himmelwärts. Ihre Stimme war Donner, ihre Augen ein sägegezahntes Funkeln.

Der Edelmann preschte zurück und warf seine Mannen nach vorn. Sie hieben und hackten und stachen auf ihre Gegnerin ein, die mit Zähnen und Klauen zurückschlug, stets darauf bedacht, keine ernsthaften Wunden zuzufügen.

Endlich, als ihre Schuppen weithin den Boden bedeckten und unzählige Wunden ihr Blut verströmten, fand eine Lanzenspitze den Weg zu ihrem Herzen.

Brechenden Auges blickte sie in die Runde und sprach in die Stille nach dem Kampf: "Vor euch waren viele, und nach euch werden viele sein. Eurer jedoch wird sich niemand erinnern." So starb der letzte Drache, und mit ihr starb ein Stück des Lebens der Welt.

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