Wortsalat
filler
filler
Ergüsse

Der junge Mann hatte ein Problem: Er kam immer zu früh. Schon zu Anfang seines kleinen, bescheidenen Lebens war es so gewesen. Er war ein Siebenmonatskind.

Als seine Eltern das armselige Bündel zum ersten Mal im Brutkasten sahen, mit puterrotem Kopf und tiefkühlblauen Händen und Füßen, verschrumpelt, verwuselt, kurz, potthässlich, beschlossen sie, nicht ohne die Thematik in ihrer ganzen Tragweite und Konsequenz ausdiskutiert zu haben, diesem ihrem eigenen Menschlein ihre ganze Liebe zu schenken und fürderhin für nichts anderes zu leben als für Traugott Fürchtnit.

So geschah es denn. Traugott wuchs auf, stets überschattet von der Liebe seiner Eltern. Ihm mangelte an nichts, außer an Sonne und frischer Luft, denn er hatte den Brutkasten eingetauscht gegen ein Laufställchen in einem schönen großen Haus in einem entzückenden kleinen Vorort einer beschissenen, mittelgroßen Stadt. Jeden Abend schlief er glücklich ein in dem Bewusstsein, die vorzüglichsten Eltern der Welt zu haben, jeden Morgen wachte er ausgeruht auf, um erneut die Wunder des elterlichen Haushalts zu erkunden, denn hinaus durfte er nicht. Er war ja so zart.

Dann, eines Tages im Spätsommer, als die Hitze auf dem Land lastete wie ein Leichentuch, die Blumen ihre Köpfe neigten, um sich auf der knochentrockenen Erde zur Ruhe zu legen, die Vögel reihenweise vom Hitzschlag ereilt aus den Kronen der Bäume regneten, um von der unermüdlichen Truppe der Straßenreinigung in niedlichen Müllsäcken verpackt ihrem letzten Bestimmungsort zugeführt zu werden, kam der Morgen des großen Schmerzes. Traugott wurde eingeschult.

Früh schon an diesem traurigen Tage weckte ihn die Mutter, riss ihn aus den süßesten Träumen, eine Träne bewahrend im Winkel ihres rechten Auges, und sprach: "Traugott, fürcht dich nicht, ich werde bei dir sein."

Der Vater trat hinzu, sah seinem ersten und einzigen Sohn fest in die Augen, drückte ihm die Schulter und wandte sich erschüttert ab. Dies tat er immer, wenn er Traugott sah.

Doch die Schulbehörde war erbarmungslos und verstand nichts vom Schmerz wahrer Eltern: Traugott musste hinaus.

Traugott selbst war einigermaßen aufgeregt und erwartungsfroh, hatte er doch bisher außer dem Inneren des Hauses, in dem er die ersten sechs Jahre seines Lebens zugebracht hatte, nichts von der Welt gesehen. Selbst die Fensterläden waren immer aufs Peinlichste geschlossen gewesen, auf dass nicht das grelle Licht des Tages seinen empfindlichen Augen zusetzte.

Traugott trat hinaus ins Leben. Das Leben trat Traugott voll in die Fresse. Dafür konnte er nichts, dagegen tun auch nicht.

Die Mitschüler beachteten ihn nicht weiter (wenn er Glück hatte), zermalmten sein Pausenbrot auf dem Asphalt des Schulhofs (wenn er Pech hatte), ließen ihn die Überreste essen (wenn er großes Pech hatte), stießen ihn in schlammige Pfützen (wenn er großes Pech, gebadet und es geregnet hatte). Es regnete reichlich nach dem Backofensommer.

Dies alles wusste er zu verschmerzen, fand er doch stets Trost und Zuspruch im trauten Heim. Eine Sache allerdings machte ihm schwer zu schaffen, die er niemals seinen Eltern, schon gar nicht seiner Mutter, mitteilen konnte: Eine Frau war in sein an Tritten schon so überreiches Leben getreten. Traugott hatte sich verliebt.

Einen guten Geschmack hatte er wohl. Sie hatte wunderschönes, dichtes, schwarzes Haar, welches sie meist zu einem Pferdeschwanz band, weil es ihr sonst gar zu ungebändigt über Nacken und Schultern geflossen wäre. Sie hatte herrliche, dunkelbraune, sanfte Augen, eine entzückende, wohlgeformte Nase und einen köstlichen, fein geschnittenen Mund. Die Zähne waren Perlen an einer Schnur, wenn sie lächelte, was sie oft tat. Ihr Wesen war freundlich und einnehmend, ihre Stimme bezaubernd. Sie hieß Fräulein Gernsheimer und war Klassenlehrerin der 1b.

Traugott war sich des Dilemmas bewusst: Träte er, seine Liebe erklärend, an Fräulein Gernsheimer heran, verriete er seine Mutter, hielte er sich zurück, stürzte er in die tiefsten Abgründe der Verzweiflung.

Von diesen Gedanken geplagt schleppte er sich durch den Alltag, dem Weihnachtsfest entgegen. In all den Jahren vorher hatte er sich auf den Weihnachtsabend gefreut, auf den Tannenbaum, das Kerzenlicht, das gemeinsame Absingen frommer Hymnen in traulicher Atmosphäre, auf selbstgestrickte Handschuhe; Socken und Ohrenwärmer. Jetzt fürchtete er die Ferien, die endlosen Tage und Wochen, während derer er Fräulein Gernsheimer nicht sehen würde.

Traugott wusste nicht ein noch aus. Der letzte Schultag flog dahin, es klingelte, die Kinder jubelten und entflohen dem Klassenzimmer, allein Traugott blieb niedergeschlagen sitzen.

Fräulein Gernsheimer, die sich schon gewundert hatte über die Blicke, die dieser stille, verschlossene Junge dann und wann auf sie warf, bemerkte dies. Ihr Lächeln lächelnd fragte sie mit ihrer sanften Stimme: "Traugott, freust du dich denn gar nicht auf die Weihnachtsferien?"

Traugott blickte sie an, in diesem Moment mehr denn je gepeinigt von seinen widerstreitenden Gefühlen. Er wusste, wenn er jetzt den Mund nicht öffnete, würde er für immer schweigen.

Sein inneres Ringen bahnte sich den Weg zu seinem schmerzverzerrten Gesicht. Fräulein Gernsheimer schwebte auf ihn zu, landete neben ihm auf der Bank, nahm ihn in die Arme, fragte ihn erneut, tröstend, was er habe, und es geschah: Traugott kam zum zweiten Mal in seinem Leben zu früh.

Traugott entfloh, peinlich berührt. Er kam nie wieder.

filler
filler
filler
filler
Valid XHTML 1.0 Transitional
Datenschutz